Andreas Schwarz

Eine Frage, die eigentlich von vornherein keinen Bezug zur Realität haben kann. Denn unser Leben ist ja bekanntlich einmalig und nicht wiederholbar. Dennoch stellen wir uns immer wieder diese Frage in der Hoffnung – unsere Vorstellungskraft führt uns in eine Lebensmöglichkeit, die uns vielleicht doch ein wenig mehr Glück bringen würde, wenn...

Kehren wir aber die Frage um und formulieren: was wäre denn aus uns nicht geworden, wenn unsere biographischen Stationen, die wir bereits durchlebt haben, nicht da wären? So begann meine Reflektion, die mich immer wieder zu meiner biographischen Lebensstation Otto Benecke Stiftung führte. Was wäre also, wenn es diese Station in meinem Leben nicht gäbe?

Gleich eine Antwort vorweg: ich hätte weniger Hoffnung.

"Mal ehrlich, was wäre aus mir geworden, wenn......." Diese Frage stelle ich mir oft, denn schnell verging die anfängliche Euphorie nach der Einreise, die durch die Phase des  Kulturschocks abgelöst wurde. Unsicherheit, Angst, Einsamkeitsgefühle und Heimweh – das waren bei vielen von uns die Begleiterscheinungen dieses Schocks.

Genau in diese Phase kam auch die Zeit bei der Otto Benecke Stiftung, die mir persönlich viel Hoffnung und Mut machte. Dabei beeindruckte mich nicht nur das hohe Niveau der Deutschsprachkurse, sondern auch die Tatsache, dass unsere erfolgreiche Integration an diesem Ort nie in Frage gestellt wurde. Im Gegenteil: es wurden durch die Beratungen der Mitarbeiter der Otto Benecke Stiftung e.V. Wege und Chancen aufgezeigt, die vorher völlig unrealistisch zu sein schienen.

Abitur, Studium, akademische Programme – alles machbar und möglich!

Die Atmosphäre, die dabei herrschte, ließ neue Lebenserfahrungen zu, die geistigen Kanäle waren einfach offen, um diese Erfahrungen aufzunehmen. Gleichwertigkeit der Lehrer-Schüler Beziehungen schmeichelte uns enorm. Man fühlte sich geborgener und nicht mehr verlassen in einer fremden Gesellschaft. Neugierde auf die neue Umgebung weckte in mir immer wieder aufs Neue auch das Interesse an der deutschen Sprache, die erfolgreiche Integration war somit voll in  Gang gesetzt.

Wenn ich heute diese Atmosphäre in mir hochkommen lasse, empfinde ich immer wieder das Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Hoffnung und dafür, dass es die Station Otto Benecke Stiftung in meinem Leben gab. Wenn ich heute die Diskussionen über die sogenannten „Integrationsprobleme“ höre, so möchte ich immer wieder betonen, dass die Integration keine „Maßnahme“ ist, die verordnet oder allein durch das Instrument „Sprachkurse“ gelöst werden kann. All diese isolierten Versuche sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Integration ist vielmehr ein sozialer Ort der offenen und angstfreien Atmosphäre mit einem realisierten Gefühl der Gleichwertigkeit. Ein Ort, an dem auch Hoffnung und Selbstwertgefühl entstehen.

Ich war von 1991 bis 1994 Stipendiat der Otto Benecke Stiftung, zunächst im Sprachkurs in Murnau, dann im zweijährigen Sonderlehrgang zur Erlangung der Hochschulreife in Augsburg. Nach meiner Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher in Stuttgart, absolvierte ich dann von 1999 bis 2003 in Münster/Westfalen und Tübingen ein Pädagogikstudium mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Zur Zeit leite ich die Integrationskurse der Deutschen Angestellten Akademie in Stuttgart.