Denis Kovalev

Mein Bericht beginnt mit der Lebensphase, in der ich meine allgemeine Hochschulreife im Sonderlehrgang am Göttinger Institut (2000 – 2001) erworben habe. Während dieser zwei Jahre habe ich viele Freunde und Kameraden gefunden! Es war die Zeit einer intensiven Integration nicht nur in die deutsche Gesellschaft, sondern auch in die Welt der ehemaligen Sowjetunion. Jeder von uns kam aus einer anderen Ecke „Sojusa“ und brachte eigene Erfahrungen und eine etwas andere Mentalität mit.

Während und nach dem Sonderlehrgang wurde und werde ich öfters gefragt, in welcher Einrichtung genau ich mein Abi gemacht habe. Darauf antworte ich unermüdlich immer wieder, dass der Sonderlehrgang nur deswegen so sonderbar genannt wird, weil dort besondere Menschen ihr Abitur machen, und zwar solche, die in einem anderen Land bereits das Abitur gemacht bzw. ein Studium angefangen haben. Also jene besonderen jungen Menschen, die für ihre Integration und Entwicklung in ihrem Leben noch einmal die Schule besuchen und sich eher auf die neue Sprache und Mentalität als auf den fachlichen Stoff konzentrieren. So bekam auch ich trotz aller Bemühungen nur einen befriedigenden Notendurchschnitt. Dies hat mich natürlich deprimiert, obwohl ich verstand, dass es eher auf die Sprache ankam. So sah ich im Studium meine Chance, meine Fähigkeiten zu zeigen und mich zu verwirklichen. Die vorgespannte Feder durfte sich nun ins Freie entspannen!


Mit dem Maschinenbaustudium an der Fachhochschule Hannover hat meine Integration und Entwicklung eine neue Identität und neue Kraft gefunden. Dennoch war ich anfangs plötzlich allein und hatte um mich herum keine Gleichgesinnten mehr. Ich musste (und wollte auch) nur deutsch sprechen, sogar keinen russischer Smalltalk in den Pausen. Nur deutsch! Das hat mir gut getan! Nach einem Semester war die Angst vor der deutschen Sprache und damit auch vor Einheimischen vollständig weg! Ich wurde nach meinen fachlichen Leistungen beurteilt und nicht nur nach meiner Aussprache und immer noch vorkommenden grammatischen Fehlern. Dann war die lang ersehnte Anerkennung endlich da. Nach den sehr erfolgreich absolvierten ersten Semestern habe ich das Angebot der Fachhochschule angenommen, einen Brückenkurs Mathematik für die Abiturienten und das semesterbegleitende Mathematik-Tutorium zu betreuen. Später kamen noch die Physik-, Steuerungs- und Regelungstechnik-Tutorien dazu. Während des Studiums konnte ich zwei Belobigungen erlangen: 2004 Auszeichnung mit dem jährlichen Riedel de Haën-Preis  für besonders begabte Studierende und 2006 Auszeichnung mit dem FERCHAU Förderpreis  für die drei besten Absolventen der Fachhochschule Hannover. Dank vierjährigen Studiums habe ich mich stark gesteigert und es hat mir unendlich viel Freude bereitet, sodass der Übergang zum nächsten Lebensabschnitt – zum beruflichen Einstieg – mir etwas schwer (im positiven Sinne) fiel.


Seit 05/06 bin ich bei MAN Diesel SE in der Abteilung Forschung und Entwicklung – Einspritzsysteme für Großmotoren beschäftigt. Momentan entwickele ich das neue Einspritzsystem CommonRail für Großdieselmotoren in der Geburtsstätte des Dieselmotors in Augsburg mit. Wenige Meter von meinem Büro entfernt entwickelte Rudolph Diesel von 1893 bis 1897 den ersten Dieselmotor der Welt. Heute sichern wir unseren Erfolg von Morgen durch die Forschung und Entwicklung von Schiffsdieseln und Stationärmotoren. Dabei erweitere ich nicht nur meine fachlichen Kenntnisse, sondern auch meine sprachlichen Kompetenzen.

Herzlichsten Dank an Otto Benecke Stiftung e.V. für alles.