Jürgen Hafner
Die Entscheidung nach Deutschland auszureisen, entstand in Zeiten des Umbruchs. Kasachstan erhielt seine Souveränität, dabei wurden die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen spürbar. Der ein oder andere Umzug unserer Bekannten nach Deutschland oder Russland erregte kein besonderes Aufsehen. 1995 waren meine Eltern bereit, die Aufnahme in Deutschland zu beantragen. Nach etwa zwei Jahren durften wir zwar ausreisen, doch der letzte Entschluss fehlte. Nach der Schule in Kustanai studierte ich noch zwei Semester BWL an der Südural-Universität in der russischen Stadt Tscheljabinsk, bis wir unsere Koffer packten und uns von Freunden und wenigen Verwandten verabschiedeten.
Auch wenn die erste Zeit in Deutschland schwieriger als erwartet war, hatte ich ein klares Ziel vor Augen: mein Studium fortzusetzen. Es stellte sich aber heraus, dass meine schulische Bildung und das abgebrochene Studium nicht als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt werden konnte. Diese Tatsache hat mich dazu bewegt, mich an die Otto Benecke Stiftung e.V. (OBS) zu wenden. Ich kann mich immer noch gut an die erste Begegnung mit dem Berater der OBS in Hannover erinnern, wo ich einen Sprachtest machen durfte. Am Ende des Treffens hatte ich meinen Weg zur Universität schwarz auf weiß: Intensivsprachkurs in Hannover und danach der Sonderlehrgang in Göttingen. Der Weg mochte kurz scheinen, jedoch dauerte das ganze Programm für mich inklusive Wartezeiten und des Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr vier Jahre, die mich in die Lage versetzten, das Studium der Wirtschaftsmathematik an der Universität Göttingen aufzunehmen. Bei der Studienfachwahl im Sommer 2002 habe ich wiederum große Unterstützung seitens der OBS in Göttingen erhalten, wofür ich sehr dankbar bin. Meine verbesserten Deutschkenntnisse und das deutsche Abitur ermöglichten, den schwierigen Studiengang Mathematik erfolgreich zu studieren. Inzwischen habe ich ein Auslandssemester an der University of Leicester in Großbritannien und ein Praktikum bei der Gothaer Lebensversicherung AG in Köln absolviert und schreibe meine Diplomarbeit im Bereich Finanzmathematik.
Wenn ich weiterhin erfolgreich studiere, dann gibt es später für mich mit dem Diplom in Mathematik sehr gute Perspektiven in den analytischen Abteilungen einer Bank oder in Versicherungsunternehmen. Die Nachfrage nach Wirtschaftsmathematikern ist ja zurzeit groß. Auch wenn der Anteil an Eigenleistungen sehr groß ist, verdanke ich meine bis jetzt reibungslose Ausbildung der Otto Benecke Stiftung e.V. Ohne die Beratung durch ihre Mitarbeiter wäre mein Weg viel steiniger gewesen. Diese Überzeugung vermittle ich an die angehenden Studierenden im Rahmen meiner Tätigkeit als Betreuerstudent des OBS-Hochschulprogramms in Göttingen. Ich stehe den motivierten jungen Leuten mit ähnlicher Erfahrung mit Rat und Tat zur Seite und hoffe dadurch, meinen Beitrag für ihre Chancengleichheit auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt zu leisten.





