Eduard Siemens

 

Die Lebensumstände forderten von Kindheit an viel körperlichen Einsatz in der Landwirtschaft. Die Dorfschule hielt es für einen Erfolg, wenn ein bis zwei Absolventen pro Jahrgang die Aufnahmeprüfungen an einer Hochschule meisterten. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen war es auch eine Hochleistung – denn 1 bis 2 Monate des insgesamt acht Monate dauernden Schuljahres stand „Kartoschka“ auf dem Programm – Erntearbeiten auf den Feldern der Sowchose. Das Entscheidende konnte die Schule dennoch vermitteln – die Sehnsucht nach Wissen und Experimentieren.
Nach Abschluss der Mittleren Schule im Jahre 1986 habe ich ein Fernstudium in Elektrotechnik in Novosibirsk (Russland) begonnen, konnte es aber wegen des Zerfalls der Sowjetunion nicht abschließen.


Im Herbst 1994, direkt nach der Einreise in Deutschland, habe ich die Erstberatung bei der OBS im Grenzdurchgangslager Friedland bekommen. Damit waren die Weichen für mich, aber auch für meine Ehefrau, im Wesentlichen gestellt. Für mich war es in der ersten Beratung durch die Otto Benecke Stiftung e.V.  wichtig, dass mir die unterschiedlichen Perspektiven für meine Zukunft in Deutschland gegenübergestellt wurden: ohne Abschluss und Ausbildung zu arbeiten oder eine aussichtsreichere Laufbahn nach einem Ingenieurstudium an einer FH oder Uni anzustreben. Für meine Ehefrau – in Russland eine diplomierte Musikerin und Musikpädagogin – waren damals die gegebenen Ratschläge für die Anerkennung der Diplome und den möglichen Werdegang entscheidend. (Heute betreibt meine Frau übrigens eine private Musikschule, in der bis zu vier Lehrkräfte Kindern und Jugendlichen Freude an der Musik und dem Erlernen eines Instruments vermitteln).
Das grammatische Regelwerk der Deutschen Sprache – von dem ich bis heute beim Schreiben von Fachbüchern zehre – erlernte ich in nur zwei Monaten des OBS-Sprachkurses (denn ich konnte schon einigermaßen gut verstehen und sprechen, als wir nach Deutschland kamen). Entscheidend war aber für mich die Beratung durch den OBS-Berater im Sprachkurs. Er bereitete mich auf das Studium vor, und so begann ich im Oktober 2005 das Studium Elektrotechnik an der Universität Hannover. Aber der OBS blieb ich treu: Während meines Studiums übernahm ich die Aufgabe eines Betreuerstudenten im Rahmen des Hochschulprogramms der OBS in Hannover. 

 

Ich half Stipendiaten beim Einstieg ins Studium, indem ich ihnen Informationen aus dem Studienalltag gab und über die zu erwartenden Anforderungen berichtete. Ich gab den Stipendiaten und Studienanfängern aller Fachrichtungen PC-Kurse, führte sie in die Nutzung des Internets ein und nahm als Betreuerstudent an OBS-internen Schulungen teil. Das brachte nicht nur den nachfolgenden Studienanfängern Vorteile, sondern ich profitierte selbst. Dem Abschluss des Studiums folgte das Angebot, am Lehrstuhl der Uni Hannover zu bleiben, zu forschen und zu lehren. Diese anspruchsvolle Tätigkeit endete im Sommer 2005 mit einer Promotion zum Doktor-Ingenieur. Während dieser Zeit unterstützte ich aber weiterhin zahlreiche OBS-Stipendiaten, die über einen Hochschulabschluss aus Russland im Fach Elektrotechnik oder Informatik verfügten und hier ihre erste Orientierung suchten und sich eine fachliche Einschätzung ihrer Kenntnisse im Vergleich zu den Kenntnissen eines Hochschulabsolventen hier wünschten. Ich vermittelte sogar Stipendiaten mit Hochschuldiplom aus Russland in ein 6-monatiges Akademisches Praktikum – sowohl am Rechenzentrum der Universität Hannover, als auch in Privatunternehmen.
 
Der Forschung und Lehre bin ich bislang treu geblieben, wenn auch im industriellen Umfeld. Seit September 2005 bin ich an einem Forschungslabor der Firma Thomson tätig. Meine Forschungsthemen sind schnelle und noch schnellere Netze der Zukunft. Dabei arbeite ich häufig im Rahmen geförderter EU-Projekte. Doch die Lehre lässt mich auch nicht los. So betreue ich laufend studentische Arbeiten: Diplomarbeiten, Praktika, Bachelor- und Masterarbeiten. Im Rahmen von internationalen Kooperationen durfte ich bereits fremde Promotionen begutachten und betreuen. Auch die Europäische Kommission hat bereits nach meinen Gutachten für ihre Ausschreibungen gefragt.
Besonders freut mich aber, dass nicht nur die EU das Interesse an dem gesammelten Know-How meldet. Sogar die Berater der OBS, die meine Weichenstellung vor Jahren begleitet und (positiv) beeinflusst haben, greifen ab und an zum Hörer und fragen nach Rat für den einen oder anderen Beratungsfall. Man trifft sich halt zweimal...