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Flyer des Forums Migration 2010


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FORUM MIGRATION 2010

Thema:

"Familie als Schlüssel für die Integration"
 

Das Forum Migration 2010 fand am Donnerstag, 09.12.2010, im  Post Tower Bonn statt.

         Post Tower 

Familie als Schlüssel zur Integration

 

war das Thema des 16. Forums Migration der Otto Benecke Stiftung e.V. Angesprochen waren sowohl Fachleute aus der Wissenschaft als auch aus Migrantenselbstorganisationen, Vereinen, Verbänden, Kommunen, Städten, Ministerien und weitere Interessierte. Ziel des Forums war es, die Dynamiken der Integrationsprozesse weiter zu hinterfragen und die Familie als Einheit in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses zu stellen. Dafür wurden aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse und Beispiele aus der Praxis vorgestellt, Erfahrung über Chancen und Probleme ausgetauscht und mögliche zukünftige Ansätze und Verbesserungen diskutiert.

 

Auf die hohe Bedeutung der Familie im Integrationsprozess wies in der Eröffnungsrede bereits der geschäftsführende Vorsitzende der Otto Benecke Stiftung e.V., Dr. Lothar Theodor Lemper, hin. Zum einen hätten schon heute 2,3 von den insgesamt etwa 8,2 Millionen in Deutschland lebenden Familien einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend, und zum anderen würden über Eltern Grundmuster für das spätere Lernverhalten, Bildungsmotivation, Selbstständigkeit oder Leistung an die Kinder weiter vermittelt. Staatliche Politik sollte demnach darauf abzielen, Eltern zu befähigen, ihre Kinder zu unterstützen.

 

Der einführende Vortrag von Prof. Dr. Birgit Leyendecker (Ruhr-Universität Bochum), beschäftigte sich mit den Einflüssen der Familie auf den Bildungserfolg ihrer Kinder. Eingangs betonte Prof. Dr. Leyendecker, dass der Bildungserfolg in Deutschland wie in keinem anderen Land an die sozioökonomische Stellung der Familie gekoppelt sei und Schulen hierzulande vergleichsweise wenig Bildungs- und Sozialisierungsverantwortung übernähmen. Schulische Leistungsdifferenzen von Grundschulkindern mit Migrationshintergrund lassen sich nach einer von ihr durchgeführten Studie seitens der Kinder jedoch nicht durch deren geringe Leistungsbereitschaft oder des Gefühls des „Anonymseins“ und auf Seiten der Eltern nicht durch deren fehlende Wertschätzung von Bildung oder geringen Bildungserwartungen erklären. Sie appellierte an Schulen und Eltern, sich der Bildungsverantwortung zu stellen und sich jeweils zu fragen, was sie zum Bildungserfolg aller Kinder beitragen könnten. Ihrer Einschätzung nach seien Eltern jedoch voraussichtlich flexibler und daher effektiver als das deutsche Bildungssystem.

 

Der zweite Vortrag von Dr. Christian Alt (Deutsches Jugendinstitut, München) beschäftigte sich mit der Frage, ob die unterschiedlichen Bildungs- und Lebenschancen von Menschen mit Migrationshintergrund auf strukturelle Bedingungen und (lückenhafte) Kenntnisse der deutschen Sprache zurückgeführt werden könnten. In der vorgestellten Studie wurden Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren aus russlanddeutschen und türkischstämmigen Familien mit Deutschen verglichen. Auch wenn sich die Migrantengruppen soziodemographisch in vielen Bereichen, wie beispielsweise in der Familienform, der Haushaltsstruktur oder in den Einkommensverhältnissen unterscheiden, könne dies, so Dr. Alt im Fazit, nicht als ein Zeichen der Desintegration gedeutet werden. Positiv bewertete er die Integration der Kinder in ihren jeweiligen Familien und die zunehmende Bedeutung der deutschen Sprache in ihrem Alltag und konstatierte, dass für eine hohe Sprachkompetenz der Kinder weniger die Eltern als vielmehr Freunde entscheidend seien. Die schulischen Disparitäten führte er auf das frühe Selektieren des deutschen Bildungssystems zurück. Von den bilingual aufwachsenden Kindern seien statistisch diejenigen in der Schule am erfolgreichsten, die in beiden Sprachen über eine hohe Sprachkompetenz verfügen.    

 

In der ersten Podiumsdiskussion über die Bedeutung der Familie im Integrationsprozess unterstrichen Dr. Aysun Aydemir (Multikulturelles Forum, Lünen), Dr. Ekaterina Skakovskaya (Deutscher Kinderschutzbund, München) und El Hossein Taytay (Deutsch Marokkanische Gesellschaft für Kultur und Bildung e.V., Frankfurt) die hohen Bildungsaspirationen der Eltern der einzelnen Einwanderungsgruppen und wiesen darauf hin, dass diese unabhängig vom Bildungsgrad der Eltern existieren. Wiederholt betonten sie den hohen Bedeutungsgrad der Familie im Integrationsprozess von Kindern und forderten, Eltern mehr in schulische Abläufe und Entscheidungen mit einzubinden. Gleichzeitig warnten sie davor, Integration ausschließlich über die Sprachkompetenz der Zugewanderten  im Deutschen zu bewerten und betonten dagegen die hohe Bedeutung des sich anerkannt Fühlens.  

Danach stellte der Verein Coach e.V. (Köln) seine Arbeit vor und veranschaulichte exemplarisch, welche Voraussetzungen und Bedingungen eine erfolgreiche interkulturelle Zusammenarbeit mit Eltern ermögliche. Das zweite Beispiel des Bundesverbands russischsprachiger Eltern (Köln) illustrierte die Bedeutung von Empowermentstrategien und Netzwerkbildung von Eltern. 

 

In der abschließenden zweiten Podiumsdiskussion wurde die Frage erörtert, wie Eltern in die Lage versetzt werden können, die Bildungsverläufe ihrer Kinder zu fördern. Einigkeit unter den Diskutanten bestand darüber, Eltern stärker als bisher in Bildungsinstitutionen mit einzubinden. Ein grundsätzliches Problem sei jedoch, so Prof. Dr. Manuela Westphal (rechts, Universität Kassel), dass sich die Elternschaft in vielerlei Hinsicht grundlegend verändert habe und dies von den Bildungsinstitutionen noch nicht hinreichend reflektiert worden sei. Sie forderte Schulen auf, ihre Elternarbeit diesbezüglich zu hinterfragen und entsprechende Angebote zu erarbeiten.

Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning (links, Universität Duisburg-Essen) unterstützte diese Ansicht, indem sie sich dafür aussprach „Eltern eine Stimme zu geben“ und dafür notwendige Strukturen zu schaffen. Mit Eltern seien jedoch nicht Einzelne oder nur Eltern mit Migrationshintergrund gemeint, sondern auch solche aus bildungsfernen Sozialschichten. Interkulturell, so Prof. Dr. Yasmin Karakaşoğlu (3.v.links, Universität Bremen) und Moderatorin der Podiumsdiskussion, bedeute eben nicht, Programme für Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund anzubieten. Um Eltern mit Migrationshintergrund zu erreichen, so Boos-Nünning, müsse man sich den jeweiligen Stadtteil „aneignen“, die formellen und informellen Kanäle kennenlernen und nutzen; dann sei eine Bildungsberatung im Gespräch möglich. Die häufig genannte Begründung, die schulischen Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund mit der Unkenntnis der Eltern über das deutsche Bildungssystem zu erklären, widerspreche wissenschaftlichen Ergebnissen. Für eine verpflichtende Bildungsberatung von Eltern vor der Einschulung ihrer Kinder sprach sich Josef Kraus (2.v.links, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes) aus und forderte Kinder mit Migrationshintergrund auf, ihre Bereitschaft Bildung anzunehmen, zu erhöhen. Der Staat habe eine Bringschuld, die Migranten eine Holschuld. Grundsätzlich äußerte sich Boos-Nünning, die sich seit den 1970er Jahren mit integrationspolitischen Fragestellungen beschäftigt, kritisch zu den feststellbaren Fortschritten in diesen Diskussionen.   

Das Forum verdeutlichte, dass eine gleichberechtigte Teilhabe aller Zugewanderten noch vieler Anstrengungen, Akteure und Kooperationen bedarf.

 

Beendet wurde die Veranstaltung mit einer Darbietung des Bielefelder Kabarettisten Abdelkarim.