„Das Wichtigste ist, internationale Mitarbeitende in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen.“

Martina Oberschelp ist ausgebildete Pflegefachkraft und arbeitet seit 1990 am Klinikum Oldenburg. Sie verfügt über langjährige Erfahrungen in den Fachbereichen Unfallchirurgie, Gastroenterologie, Kardiologie und Intensiv-Pflege. Zusätzlich hat sie als Unterrichtsassistenz an der angegliederten Krankenpflegeschule gearbeitet und eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe absolviert. Sie ist bereits seit einigen Jahren Mentorin und Ansprechpartnerin für internationale Pflegefachpersonen. 2021 hat sie am Zertifikatskurs „Willkommensmentor*innen“ im Rahmen des Mentoringprogramms für Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern der Otto Benecke Stiftung e.V. (OBS) teilgenommen, um ihr bereits in der Praxis erworbenes Wissen zu vertiefen. Das Mentoringprogramm bereitet Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen, Kliniken und Krankenhäusern auf die Integration von internationalen Pflegekräften vor.

Im Interview mit der OBS erklärt sie, welche Hürden internationale Pflegekräfte überwinden müssen, wie der Zertifikatskurs für Willkommensmentorinnen und -mentoren dabei Unterstützung bietet und warum sie für eine langfristige Bindung der Mitarbeitenden eine wichtige Rolle spielt.

Frau Oberschelp, was kann das Mentoringprogramm Ihrer Meinung nach für die Integration, aber auch die langfristige Bindung von internationalen Pflegekräften leisten?

Das Mentoringprogramm trägt dazu bei, dass das allgemeine interkulturelle Verständnis und damit auch das Verständnis für die Bedürfnisse der internationalen Mitarbeitenden wächst. Dies ist die beste Voraussetzung für eine langfristige Bindung. Internationale Pflegekräfte bleiben nur, wenn sie sich wohlfühlen. Es gibt gerade am Anfang eine hohe Identifikation mit der Klinik und der Mentorin oder dem Mentor. Er oder sie stellt dann eine Vertrauensperson dar, der neue Mitarbeitende Fragen stellen und zu der sie jederzeit gehen können. Internationale Mitarbeitende bleiben nicht nur, weil sie das Gefühl haben, sie müssen – denn sie sind eine finanzielle Verpflichtung eingegangen. Wir als Klinikum verpflichten sie deswegen auch nicht. Wir gehen immer davon aus, dass sie gerne bleiben. Ich finde es gut, dass der Fokus in diesem Programm auf interkultureller Kompetenz liegt. Das ist für jemanden, der ganz neu in eine solche Position als Mentor*in kommt, auf jeden Fall eine wertvolle Unterstützung. Ich hätte mir so etwas bereits vor zwei Jahren, bevor ich angefangen habe als Mentorin zu arbeiten, gewünscht.

Welchen Herausforderungen begegnen internationale Pflegekräfte in Deutschland und wie kann man sie unterstützen?

Abgesehen von den sprachlichen Hürden ist es oft das andere Pflegeverständnis. Da sie mit anderen Konzepten und Voraussetzungen in Deutschland ankommen, ist die Anpassung an das hier vorherrschende Berufsbild in der Pflege manchmal schwierig. Es hilft dann, zu erklären, wie wir in Deutschland Pflege sehen, verstehen und leben. Am Anfang müsste man eigentlich gemeinsam eine Art Erwartungs-Abgleich machen. Ich würde zum Beispiel gerne demnächst einen Erwartungs-Fragebogen einführen, durch den sich die neuen internationalen Mitarbeitenden und die Station besser kennen lernen und sich gegenseitig Fragen stellen können. Sonst gibt es zu viele Einzelaspekte, die man nicht auffangen kann. Man kann zwar vorher kommunizieren, welche Vorkenntnisse und Berufserfahrung die Mitarbeitenden haben, aber was das genau bedeutet, ergibt sich oft erst in der Praxis. Ich würde mir wünschen, dass dies zukünftig für die Stationen, zum Beispiel durch einen solchen Erwartungs-Fragebogen, besser ausgeglichen und berücksichtigt wird. Auf diese Weise müsste man nicht im Nachgang alles nachbessern und kann sich auch im Pflegeteam besser vorbereiten.

Inwiefern hat sie der Zertifikatskurs „Willkommensmentor*innen“ in dieser Rolle unterstützt?

Der Zertifikatskurs hat vor allem in Bezug auf den interkulturellen Aspekt und den Migrationskontext noch einmal meinen Blick geschärft. Ich bin ja eigentlich schon länger in einer Mentorinnen-Position. Deshalb habe ich mich informiert, was mich in dieser Position unterstützen kann und bin über den „Werkzeugkoffer Integration“ auf die OBS und das „Mentoringprogramm“ aufmerksam geworden. Was mir am meisten geholfen hat, ist kulturelles Verständnis und das Wissen, wie durch Missverständnisse Konflikte entstehen, aber auch gelöst werden können. Interessant ist für mich auch das Erarbeiten von Wegen, wie ich die gesamte Station in dieser Hinsicht noch mehr einbeziehen kann.

Gab es eine konkrete Maßnahme oder ein konkretes Tool aus dem Kurs, die sie besonders positiv fanden?

Ja, es gab ein Tool zum Thema Gesprächsführung, das mir gut gefallen hat. Es wurde ein empathischer Zugang zu Gesprächen vorgestellt. Dabei werden zunächst Fragen gestellt wie: „Fühlt sich der internationale Mitarbeiter sicher?“ „Fühlt er sich verstanden?“ „Fühlt er sich akzeptiert?“ Das finde ich sehr gut und beziehe es bei Situationsgesprächen mit ein. Bevor ich mit den Mitarbeitenden ins Gespräch gehe, stelle ich ihm oder ihr diese Fragen. Das heißt, sie sollen sich und ihre Situation einschätzen auf einer Skala von 1 bis 4. Insgesamt frage ich fünf Aspekte ab. So stellt sich heraus, ob sich das Gegenüber sicher, verstanden und respektiert fühlt. Mithilfe dieses Tools habe ich bereits sechs Reflexionsgespräche geführt und finde es super, weil es abseits vom Fachlichen und Sprachlichen die Situation ganzheitlich in den Blick nimmt.

Außerdem wurde im Kurs eine sogenannte „Netzwerk-Karte“ vorgestellt, auf der wichtige Informationen für die internationalen Mitarbeitenden zusammengefasst sind. Sie gehört zu den grundlegenden Unterstützungsangeboten zur Integration von internationalen Pflegekräften.

Dort sind Informationen zusammengestellt wie zum Beispiel, wo sich Hausarzt, Krankenkasse oder die Sprachschule befinden. Auf diese Weise wissen die Mitarbeitenden dann, wo sich alle Stellen befinden, mit denen sie in Kontakt stehen und können jederzeit auf ihr Netzwerk zurückgreifen.

Inwiefern haben Willkommensmentor*innen eine Art Brückenfunktion inne?

Die Mentorinnen und Mentoren haben eine Netzwerk-Funktion und stellen in alle Richtungen Brücken her. Sei es nach außen, zu externen oder zu internen Partnern. Sie erfüllen zum einen eine vermittelnde Funktion zwischen Station und den internationalen Mitarbeitenden: Sie unterstützen zum Beispiel, wenn es Dinge gibt, die die neuen Kolleginnen und Kollegen erstmal nicht ansprechen möchten. Sie unterstützen aber auch bei grundlegenden Dingen, zum Beispiel was die Wohnungssuche betrifft – wenn die internationalen Pflegekräfte zum Beispiel nicht wissen, was Begriffe wie „Nebenkosten“ bedeuten oder wenn sie ein Paket oder Geld in die Heimat schicken wollen. Alle Fragen kann ich natürlich auch nicht beantworten, aber ich kann sie zumindest so beraten, dass sie wissen, wo sie hingehen können. Das Wichtigste ist, internationale Mitarbeitende in ihrer Selbstständigkeit in Deutschland zu unterstützen.

Das Projekt „Willkommensmentor*innen“ war Teil des Werkzeugkoffers „Willkommenskultur und Integration“ des Deutschen Kompetenzzentrums für internationale Pflegekräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) unter Trägerschaft des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) www.dkf-kda.de

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