25. Forum Migration der Otto Benecke Stiftung

Dokumentation, Kurzfassung


500.000 Fachkräfte braucht Deutschland

Über 300 Gäste besuchten am 15. September 2022 das 25. Forum Migration der OBS im Kölner Gürzenich. Diskutiert wurde über das Thema „Arbeitsmarktintegration und Fachkräftesicherung – ohne Migrantinnen und Migranten geht nichts mehr“.

Bürgermeister Dr. Ralph Elster hieß die Teilnehmenden im Namen der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker willkommen.

Der Geschäftsführende Vorsitzende der OBS, Dr. Lothar Theodor Lemper, betonte in seiner Einführungsrede die Notwendigkeit von Zuwanderung angesichts einer rasant sinkenden Erwerbstätigenquote. „In absehbarer Zeit geht die Quote der Erwerbstätigen, die derzeit noch leicht ansteigt, erheblich zurück. Ihre Kompensation ist nur bedingt möglich. Der Bedarf an Arbeitskräften übersteigt dabei das Angebot an angemessen qualifizierten Arbeitskräften“, führt Dr. Lemper aus. Eine jüngst erschienene Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung bringe es auf den Punkt: „Ohne sie geht nichts mehr – Welchen Beitrag leisten Migrant*innen und Geflüchtete zur Sicherung der Arbeitskräftebedarfe in Fachkraftberufen in Deutschland?“
Er führte aus, dass es dringend notwendig sei, die Potenziale Zugewanderter besser zu mobilisieren. „Ohne Zuwanderung, ohne eine aktive, produktive Integrationspolitik, ohne eine kluge Arbeitsmarktintegration wird es in naher Zukunft große ökonomische Probleme geben. Arbeit ist ein entscheidender Aspekt der Integration. Fachkräftesicherung und Arbeitsmarktintegration – das wird in Zukunft eine zentrale Aufgabe der Otto Benecke Stiftung sein“, so Lemper.

Lorenz Bahr, Staatssekretär im Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration NRW, überbrachte die Wertschätzung der Landesregierung für die Arbeit der OBS. In seinem Vortrag: „Chancen gemeinsam nutzen: Arbeitsmarktintegration und Fachkräftesicherung“ machte er deutlich, dass ohne Einwanderung die Wirtschaft nicht überlebensfähig sei. Es fehlten nicht nur Fachkräfte, sondern überhaupt Arbeitskräfte. Lösungsansätze seien bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Nachqualifizierungen, mehr Einwanderung zum Zweck von Ausbildung, Studium und Arbeit. NRW will gemeinsam mit der Bundesregierung entsprechende Maßnahmen voranbringen (u.a. z.B. mit der „Chancenkarte“). Die geplante Kürzung der Migrationsberatung müsse verhindert werden; im Gegenteil: „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Investitionen in die Integration. Gemeinsam wenden wir Demokraten uns gegen Hass und Hetze und verstärken den Zusammenhalt in der Gesellschaft“, so der Staatssekretär.

Serap Güler, MdB, plädierte in ihrem Beitrag: „Zugewanderte – eine nicht immer genutzte Chance für Deutschland“ für einen Perspektivwechsel: Integration funktioniere nicht von selbst, sei keine Einbahnstraße. Der Prozess der Integration müsse aktiv gestaltet werden, Ausgaben für Bildung sind Ausgaben für die Zukunft. „Wir müssen Migration auch aus der Perspektive der Zugewanderten denken: Welche Voraussetzungen und Anreize wollen wir schaffen, damit sich Migration zu uns bewegt, damit Menschen zu uns kommen“, so Güler. Deshalb, so führte sie weiter aus, dürften die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. „Das Boot ist alles andere als voll. Es geht um faire Chancen und Perspektiven für die, die hier ankommen wollen: Integration darf kein Zufall sein“.

Garrelt Duin, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln, machte deutlich „Handwerk braucht Zuwanderung“. Es fehlen derzeit 250.000 Mitarbeitende, um das Notwendigste zu erledigen. Bis 2025 werden weitere 400.000 Arbeitskräfte fehlen. Das hat auch Auswirkungen auf Mega-Trends: Die Energiewende kann nur erfolgen, wenn das Handwerk ausreichend Personal hat. Es gebe aus Sicht des Handwerks 5 Punkte, die zur Lösung des Fachkräftebedarfs beitragen können: duale Berufsausbildung stärken z.B. in allen allgemeinbildenden Schulen (Beratung anbieten), Frauenquote steigern (klassische Berufswahl aufbrechen), Altwerden im Betrieb ermöglichen (indem entsprechende Arbeitsbedingungen geschaffen werden), Langzeitarbeitslose qualifizieren – aber vor allem: Zuwanderung (in Ausbildung und in den Arbeitsmarkt). Neben einer Straffung der Verfahren fordert Garrelt Duin einheitliche Ansprechpartner, um Betriebe bei der Rekrutierung von Arbeitskräften zu unterstützen, und den Aufbau einer „Kümmerer“-Struktur, die die neu Zugewanderten bei der sozialen und gesellschaftlichen Integration unterstützt. Hier müsse Deutschland attraktiver werden.

Prof. Dr. Enzo Weber, Wirtschaftswissenschaftler, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg, stellte Zahlen zu „Migration und Integration für die Zukunft des deutschen Arbeitsmarkts“ vor. Aktuell sind Arbeitskräfte so knapp wie nie und dieser Zustand wird sich verschlimmern: Bis 2030 wird das Erwerbspersonenpotenzial um 5 Mio. sinken. Das heißt, erst bei einem „Saldo“ (denn 10 % wandern wieder ab) von 400.000 Neu-Zuwanderern stagniert die Zahl der Erwerbstätigen. Aber wie will man diese Zuwanderungszahlen erreichen? Untersuchungen haben gezeigt, dass z.B. die Erwerbsquote von Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft gesteigert werden könnte, wenn Kitaplätze ganztags zur Verfügung stünden. Wichtig sind auch eine Angleichung der Löhne von Zugewanderten und Nicht-Zugewanderten und eine bessere Nutzung der Kompetenzen der Zugewanderten durch Investitionen in Sprachkurse und Qualifizierungen. Nicht zu vergessen ist die soziale und gesellschaftliche Integration. Ein interessantes Ergebnis zum Thema Weiterbildung: 2/3 der Befragten gaben an, dass sie Lernen nicht gewohnt sind.
Zur Lösung des Problems schlug Prof. Weber folgende Punkte vor: offenere Zuwanderungspolitik, berufsbegleitende Nachqualifizierung, „Kümmerer“-Struktur aufbauen, Qualifikationssysteme weiterentwickeln für Zugewanderte und Nicht-Zugewanderte. Sein Fazit: „Hürden runter – Förderung rauf“.
Hier finden Sie die Power Point-Präsentation zum Vortrag.

Lejla Bradarić, OBS-Referatsleiterin für Migration & Qualifizierung, stellte die Präsentation der erkrankten Geschäftsführerin des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Dr. Cornelia Schu, mit dem Titel „Migrantinnen und Migranten als Stütze für die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Gelingende Arbeitsmarktintegration und Fachkräftesicherung“ vor. Die Ergebnisse des entsprechenden SVR-Jahresgutachtes 2022 zeigen, dass Fachkräfte mit Migrationshintergrund einen essenziellen Beitrag zur Gesundheitsversorgung in Deutschland leisten, dabei müsse eine faire Gewinnung von Fachkräften sowohl die Interessen der Zuwanderinnen und Zuwanderer berücksichtigen als auch die der Herkunftsländer. Ein Großteil ist selbst zugewandert; 4 von 5 Personen sind Frauen. Ein Problem sei, dass die Anerkennungsverfahren zu lange dauern und je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt werden.

Die Kernbotschaften des SVR-Jahresgutachtens können hier nachgelesen werden.

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion „Arbeitsmarktintegration und Fachkräftesicherung – Was ist zu tun?“ skizzierte der Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Kai Gehring, MdB, die ressortübergreifende Fachkräftestrategie der Bundesregierung: Es geht um Bildung, gezielte Weiterbildung, Qualifizierung, Erhöhung der Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung. In diesem Zusammenhang sei es wichtig, die geplanten Kürzungen bei DAAD, Alexander von Humboldt-Stiftung und Goethe-Institut zurückzunehmen im Zuge der Haushaltsverfahren bis Ende November. Mit einer Reformierung der Einwanderungsgesetzgebung sollen die Chancen auf ein Aufenthaltsrecht verbessert werden.

Dirk Werner, Leiter des Themenclusters „Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte“ beim Institut der deutschen Wirtschaft, machte in seinem Statement deutlich, dass Deutschland für zugewanderte Fachkräfte attraktiver werden müsse. Zudem müssten potenziell Zuwanderungswillige sprachlich und inhaltlich auf einen Aufenthalt in Deutschland vorbereitet werden.

Claudia Moravek, Arbeitsbereichsleiterin für Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), machte in ihrem Beitrag deutlich, dass die Anerkennungsverfahren für Fachkräfte in über 90 % der Fälle nur 8 Wochen dauern; bei nicht-reglementierten Ausbildungsberufen lediglich 36 Tage. Problem sei nicht die Dauer der Verfahren, sondern die Zeit, die vergeht, bis die Verfahren starten.

Dr. Natali Becker, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen, berichtete von ihren Erfahrungen als Teilnehmerin des IQ/OBS-Qualifizierungs- und Mentoringprogramms „Bildungswesen“, mit dem sie es geschafft hat, eine ausbildungsadäquate Stelle zu finden. Wichtig war die Beratung und Unterstützung durch erfahrene Lehrkräfte und die Bildungsreferentinnen der OBS.

Im Rahmen der Diskussion wurde gefordert, dass die Beurteilung von im Ausland erworbenen Qualifikationen flexibler sein müsse („Zeigen, was man kann“, Claudia Moravek), dass auch wieder mehr Teilqualifikationen ermöglicht werden sollten – auch für Ältere. Wichtig sei auch, dass „Ketten-Duldungen abgeschafft“ werden (Kai Gehring, MdB).


Bürgermeister Dr. Ralph Elster hieß die Teilnehmenden im Namen der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker willkommen.

Ebenfalls unter den Gästen des Forums Migration waren die OBS-Kuratoriumsmitglieder Karsten Möring, MdB a.D., Klaus Laepple, ehemaliger AStA-Vorsitzender, und Anton Rütten, ehemaliger Leiter der Abteilung "Integration" im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration NRW (v. l.)

Das FORUM MIGRATION wird gefördert vom

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